Jennifer Morgan

Jennifer Morgan

  • Jennifer Morgan
  • Strategin eines Thinktanks

Funktion: Strategin eines Thinktanks

Die Aufgabe

In Paris wird sich für Jennifer Morgan klären, ob sich die Arbeit der vergangenen 20 Jahre gelohnt hat. Die Klimakonferenz ist für sie das vorläufige Finale über die Frage, ob es möglich ist, alle 195 Staaten zu einem gemeinsamen, ehrgeizigen Handeln im Klimaschutz zu bewegen. Für die Direktorin des globalen Klimaschutz-Programms beim Washingtoner Thinktank „World Resources Institute“ ist das aber nicht nur ein Job. Es ist auch ein persönlicher Auftrag. „Ein großer Teil der Menschheit und der Natur haben unter dem zu leiden, was eine relativ kleine Gruppe von Akteuren unternimmt. Das ist ein Unrecht, das ich ändern möchte.“ Dafür ist sie in Paris nahezu pausenlos unterwegs, sitzt hier mit einem Delegierten auf einer Treppenstufe und trifft sich dort mit NGO-Vertretern zum Mittagessen. Sie ist auf ihrer Mission auch ein Stück weit Verdrängungskünstlerin. „Wenn man so lange an diesem Thema arbeitet, muss man eine Taktik finden, wie man nicht jeden Morgen aufsteht und weint“, sagt sie. Sie hat sich entschieden, pragmatisch an die Sache ranzugehen.

 

Modell für eine neue Welt

Eineinhalb Jahre lang ist die 49-Jährige im Vorfeld von Paris durch die ganze Welt gereist. Mit Vertretern von insgesamt neun Thinktanks hat sie die Delegierten aus 15 Ländern auf ein neues Abkommen eingeschworen. Morgan und ihre Kollegen haben ein Modell vorgestellt, das nach zwei Jahrzehnten erfolgloser Klimadiplomatie das Signal aussenden soll, dass die Welt des Jahres 2050 eine andere sein wird als die von 2015. Der Klimavertrag von Paris soll den Weg freilegen in eine Weltwirtschaft ohne Kohlenstoff-Emissionen.

"Es hat keinen Sinn mehr, Lösungen vorzustellen, die in einem solchen Forum nicht zu realisieren sind.“Jennifer Morgan

Das Modell, das sie schon lang im Schlaf herunterbeten kann, ist ein Kreis mit drei Zirkeln. In deren Mitte stehen die Begriffe „Mitigation“ (Minderung), „Adaptation“ (Anpassung) und „Support“ (Unterstützung). Was aussieht wie das Werk von Klimaschutz-Theoretikern, ist tatsächlich die Blaupause für eine Revolution mit sehr praktischen Folgen für die internationalen Politik. Die Diskussionen in Paris werden maßgeblich genau um diese drei Punkte kreisen. Länder wären danach gezwungen, regelmäßig ihre Klimaschutz-Ziele auf den Tisch zu legen und in festgelegten Abständen zu verschärfen. Reichere Länder müssten den ärmeren im Kampf gegen den Klimawandel mit Geld und Know-how unter die Arme greifen. Und Staaten, in denen der Klimawandel jetzt schon zu spüren ist, bekämen Unterstützung dabei, sich an die Folgen anzupassen.

 

Signal an Investoren, Unternehmen und Regierungen

Die bedeutsamste Konsequenz aber wäre, dass sich niemand mehr aus der Verantwortung stehlen könnte. Jeder müsste danach den Teil zum Klimaschutz beitragen, der in seiner Macht und in seinen Möglichkeiten liegt, egal ob USA oder Indien, Deutschland oder China. Jennifer Morgan ist in Paris eine der vehementesten Fürsprecherinnen dieser neuen Weltordnung. Ein solches Abkommen wäre auch ein Signal an Investoren, Unternehmen und Regierungen, dass die Uhr nach Paris anders zu schlagen beginnt.

Ihr Dilemma

Morgan weiß, dass ihre schärfsten Gegner aus dem eigenen Land kommen. Zwar haben die USA in Barack Obama einen Präsidenten, der es ernst meint mit dem Klimaschutz. Mit dem „Clean Air Act“ hat er die Grundlage dafür geschaffen, dass amerikanische Kohlekraftwerke ihre Emissionen reduzieren und Automobil-Konzerne die Abgase der Fahrzeuge drosseln müssen, die durchs Land rollen. Erstmalig in der US-Geschichte hat er die Staaten gedrängt, ihre Kohlestrom-Emissionen bis 2030 um rund ein Drittel zu senken – allerdings nur im Vergleich zum emissionsstarken Jahr 2005. Andererseits ist die Industrie- und Energielobby in keinem Land so mächtig wie in den Vereinigten Staaten. So haben beispielsweise die Gebrüder Koch, Gründer von Koch Industries, dem zweitgrößten Unternehmen der USA, angekündigt, in den kommenden amerikanischen Präsidentschafts -Wahlkampf 900 Millionen US-Dollar zu stecken. Das ist mehr, als die Demokraten und Republikaner zusammen ausgeben werden.

Obama hat zwar die Möglichkeit, die Ergebnisse von Paris in Form eines „executive agreement“ in nationales Recht umzuwandeln. Doch nicht nur die Koch-Brüder werden alles daran setzen, die Beschlüsse von Paris rückgängig zu machen. Nur unter Schmerzen sind Republikaner bereit, den Klimawandel auch als Gefahr für ihr eigenes Land anzuerkennen. Noch immer sind Politiker beliebter, die einen Schnellball durch den Senat werfen, um damit zu beweisen, dass der Klimawandel eine Erfindung von Öko-Spinnern ist. Ein Abkommen, das die USA nicht mittragen, wird allerdings das Papier nicht wert sein, auf dem es gedruckt ist.

 

„Die Zeit ist abgelaufen“ 

Morgan steckt in einem Dilemma: Sie wirbt für ein Abkommen mit weitreichenden Konsequenzen gerade für ihr Heimatland. Gleichzeitig weiß sie, dass es nur gerade so weit reichen kann, dass ihre Landsleute es nicht ignorieren. Schließlich gibt es keinen Weltgerichtshof, der die USA zur Einhaltung des Vertrags von Paris zwingen könnte. Doch an ihrer Entschlossenheit ändert das nichts. Seit zwei Jahrzehnten Jahren ist sie als Klimaschützerin unterwegs. Die Zeit, sagt sie, sei jetzt abgelaufen, auf dem Parkett der Klimagipfel weiter seinen idealistischen Träumen nachzuhängen. Auf den COPs hat sie viele Diskussionen mit Menschen geführt, die überzeugt sind, dass man erst den Kapitalismus überwinden muss, bevor man den Klimawandel in den Griff bekommen kann. „Aber es hat keinen Sinn mehr, Lösungen vorzustellen, die in einem solchen Forum nicht zu realisieren sind.“

 

Kai Schächtele

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Welt-Klimakonferenz, Dezember 2015: Zwei Wochen lang ringen Delegierte aus 195 Staaten um einen Kompromiss. Es geht um Stürme und Dürren, Kohle und Öl und um sehr viel Geld. Alle sagen, sie wollen ein gemeinsames Abkommen erreichen. Doch jeder kämpft mit Verve für die Interessen seines eigenen Landes. Wie soll da eine Einigung gelingen? Das Paris-Protokoll hat sieben Delegierte und Berater begleitet, vom ersten Tag bis zur Entscheidung. Zur Übersicht

In Paris treffen sich die Vertreter von 195 Regierungen. Dazu kommen etwa 1900 Nichtregierungsorganisationen – NGOs. Sie sorgen nicht nur für bunten Flair, sondern sind eine Stimme für die schwachen Länder: Sie liefern den Delegierten Know-How, kommunizieren und formulieren Vorschläge.

 

 

Die Welt schaut auf den Klimagipfel in Le Bourget – einen Vorort von Paris. Hier soll auf dem 140.000 Quadratmeter großen Gelände eines Flughafens Geschichte geschrieben werden. Wir erkunden den Ort, an dem in den nächsten Tagen 10.000 Verhandler die Erde retten sollen. In was für einer Atmosphäre kann so etwas gelingen?

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