"Wir müssen
redlich bleiben."

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Der erste Zug

Auf welche Obergrenze der Erderwärmung werden sich die 195 Staaten einigen? Zu Beginn des Gipfels hieß es: 2 Grad sind gesetzt, 1,5 Grad sind nicht vermittelbar. Länder wie Saudi-Arabien werden nicht zustimmen. Dann kam Bewegung in die Debatte, auch bei der deutschen Delegation. Der Schritt war Teil einer Strategie. Doch nicht alle sind davon begeistert.

Es ist der Freitag der ersten Gipfelwoche, als Deutschland die nächste Stufe seines Verhandlungsplans zündet. Jeden Morgen sitzt Jochen Flasbarth, der Staatssekretär von Umweltministerin Barbara Hendricks, auf dem Podium des deutschen Pavillons und berichtet von der Entwicklung des vorangegangenen Tages. Im Publikum Journalisten aus Deutschland. Doch die Adressaten sind auch die anderen Delegationen. Sie sollen wissen, zu welchen Zugeständnissen die deutsche Delegation an der einen Stelle bereit ist und an welcher anderen sie hart bleibt.

Diesmal hat Flasbarth eine Botschaft für die kleinen Inselstaaten und die vom Klimawandel am stärksten betroffenen Länder. Sie verlangen, dass die Welt ihre Sorgen ernst nimmt, indem sie die maximale Erderwärmung auf 1,5 Grad festschreibt. Doch Länder wie Saudi-Arabien bestehen auf der Grenze von 2 Grad. Sie befürchten, dass sonst die heimische Öl-Wirtschaft in Gefahr gerät.

Die Deutschen lassen einen Ballon steigen

"Wir müssen redlich bleiben. Sonst glaubt uns irgendwann keiner mehr."Jochen Flasbarth

Der gebürtige Duisburger Flasbarth sitzt in seiner Ruhrpott-Gelassenheit da und sagt: „Deutschland tritt dafür ein, dass die 1,5 Grad am Ende im Vertrag stehen werden. Aber wir müssen auch redlich bleiben. Sonst glaubt uns irgendwann keiner mehr.“ Es ist nicht so, dass mit diesen Sätzen eine Bombe platzen würde. Dass die deutsche Delegation die Forderung der Inselstaaten unterstützt, kommt eher dem Start eines Ballons gleich. Deren Vertreter sollen jetzt sehen: Bei den Deutschen tut sich was. Dafür müsst ihr euch aber auch bewegen. Bitte überlegt euch, wie für euch ein Kompromiss aussehen könnte.

Flasbarth sagt das nicht einfach so. Das Statement ist Bestandteil eines größeren Plans. Die Deutschen sind in Paris angetreten, um an einem historischen Vertrag mitzuarbeiten. Dazu ist es notwendig, auf die einen Staaten zuzugehen und von den anderen etwas einzufordern. Oder beides gleichzeitig vom selben Land. Als einen Tag später der Vertragsentwurf präsentiert wird, den die Minister zu Ende verhandeln müssen, sind an der Stelle, an der zu Beginn noch sechs eckige Klammern standen, zwei übrig geblieben. Die Zahl 1,5 ist noch dabei. Der Plan ging auf. Fürs erste.

Die Version vom 6. November mit sechs eckigen Klammern und die Version vom 5. Dezember mit nur noch zwei eckigen Klammern:

Ein Streit mit großer Strahlkraft

Deutschland ist nicht das einzige Industrieland, das dadurch auf die Inselstaaten zugeht, indem es dafür geworben hat, die 1,5 stehen zu lassen. Der Streit um diese Ziffer ist von so hoher Strahlkraft, dass sich am Ende niemand vorwerfen lassen möchte, er hätte die vom Versinken bedrohten Inselstaaten auf dem Gewissen. Schon jetzt steht die reale Temperaturerwärmung bei einem Wert von 1 Grad. Würden alle Reduktionsziele, die in Paris gehandelt werden, umgesetzt, käme nach Berechnungen von Klimawissenschaftlern eine Erwärmung von knapp 3 Grad heraus. Länder wie Bangladesch oder die Marshall-Islands wären vom Untergang bedroht.

Die Entscheidung dafür, ob die Zahl 1,5 im Vertrag stehen wird oder nicht, ist deshalb erst einmal eine politische. Wie die Delegationen damit umgehen, ist auch Verhandlungstaktik. Wenn man bei einer so wichtigen Frage ein Zugeständnis signalisiert, kann eine Dynamik entstehen, die sich auch auf andere Vertragsteile auswirkt. So erklärt Ilka Wagner, die stellvertretende Leiterin der deutschen Delegation, diese Bewegung.

Saleemul Huqs erster Erfolg

Für Saleemul Huq, den unermüdlichen Kämpfer für die 1,5-Grad-Obergrenze, ist diese Entwicklung ein erster Erfolg. Seit Jahren kämpft er für dieses Ziel, seit Jahren bekommt er zu hören, seine Forderung sei unrealistisch. In der ersten Woche der Klimakonferenz läuft er von Pressekonferenz zu Pressekonferenz. Er sitzt in Diskussionen und lässt sich auch nicht aus der Fassung bringen, wenn im japanischen Pavillon nur zehn Zuhörer im Publikum sitzen und eine Wissenschaftlerin aus Indonesien mit der Bühnenpräsenz einer Wandtafel ihre Forschungsarbeiten präsentiert. Dass die 1,5 im Vertrag stehen geblieben ist, macht ihn sichtlich froh.

Jetzt beginnen die harten Gespräche

"Aus dem Geist der Kooperation muss echtes und bedeutsames Handeln erwachsen."Ruth Davis

Es sind noch drei Tage bis zum geplanten Ende dieses Gipfels. Jetzt beginnen die harten Gespräche. Trotz der Bewegung in der 1,5-Grad-Debatte sind die Gräben zwischen den Industriestaaten und Entwicklungsländern einerseits und den am meisten betroffenen armen Ländern und den aufstrebenden Staaten wie Indien oder Brasilien andererseits so tief wie zu Beginn des Gipfels. Auch bei der Finanzierung der Anpassungsmaßnahmen in den Ländern, die vom Klimawandel am stärksten betroffen sind, gibt es noch keine Annäherung.

Auch was auf die 1,5-Annäherung folgen wird, ist noch nicht absehbar. Nicht alle teilen die vorläufige Zufriedenheit. Der Wissenschaftler und Klimapolitiker Hermann Ott vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie etwa befürchtet, dass sich der Erfolg als Bumerang erweisen könnte, wenn dafür an anderer Stelle etwas aus dem Vertrag herausverhandelt wird, etwa das Bekenntnis zu einer CO2-freien Wirtschaft im Laufe dieses Jahrhunderts. Und die Britin Ruth Davis von der Nichtregierungsorganisation E3G aus London sagt: „Diejenigen von uns, die diesen Prozess schon lange begleiten, freuen sich über diesen neuen Geist der Kooperation. Doch er bleibt solange nutzlos, solange daraus kein echtes und bedeutsames Handeln erwächst. Wir brauchen einen Plan, der den Klimaschutz immer weiter beschleunigt.“

Die französische Ratspräsidentschaft will alles daran setzen, die Konflikte so zu lösen, dass das Abkommen am Freitag verabschiedet werden kann. Doch die ersten Delegationen hören auf ihr Bauchgefühl und richten sich schon darauf ein, bis Sonntag zu bleiben. So ist immerhin noch genug Zeit für die nächsten Schachzüge.

Text: Kai Schächtele
Video: Babette Hnup
Fotos: Christian Frey

Ein Kommentar zu
Der erste Zug
  • dr. Georg Huetter schreibt:

    danke für die Analyse – dass gegenüber dem Kopenhagener Gipfel, wesentlich konkreter und verantwortungsvoller gearbeitet wird. Vor allem erscheinen die Forderungen von Entwicklungsländern mit minimalem footprint gegenüber Industrieländern mit einem Vielfachen davon berechtigt ! Letztlich auch die Forderungen von grossen Erdöl produzierenden Ländern, dass sie kompensiert werden sollten von den grossen Verbrauchern, wenn sie mehr Erdöl ungefördert in der Erde lassen sollen . . .

    Endlich eine globale Tendenz zur Vernunft, dass nicht “ m e h r “ sondern
    “ w e n i g e r “ Verbrauchen und Produzieren unsere Zukunft sichert !

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